Von der Freiwilligen Wehr zur Berufsfeuerwehr
Reutlingen zählt zu den Vorreitern der organisierten Feuerwehr in Baden-Württemberg. Am 1. April 1847 rief der Turngemeindevorsitzende und Verleger Gustav Heerbrandt die erste Versammlung des Reutlinger Löschvereins ein – eine speziell trainierte Freiwillige Feuerwehr nach dem damals führenden Durlacher Vorbild. Bereits 1853 gehörte Reutlingen zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Feuerwehrverbands.
Der Brandschutz hatte in der Stadt eine noch ältere Tradition, die bis in die Reichsstadtzeit zurückreicht. Der verheerende Stadtbrand vom September 1726, dem mehr als drei Viertel der Häuser innerhalb der Stadtmauern zum Opfer fielen, blieb ein prägendes kollektives Erlebnis – und ein ständiger Antrieb zur Verbesserung des Brandschutzes.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte tiefgreifende Veränderungen: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und neue Gefahren durch Dampfmaschinen und Gasversorgung erforderten eine leistungsfähigere Wehr. 1885 wurde die Freiwilligkeit des Feuerwehrdienstes wiederhergestellt; 1898 erhielt Reutlingen ein repräsentatives Feuerwehrmagazin am Ledergraben – ein markantes Backsteingebäude mit mächtigem Turm, das bis heute als Kulturdenkmal erhalten ist.
In der Weimarer Republik trieb Kommandant Johannes Eisenlohr die Modernisierung voran: 1921 wurde eine elektrische Feuermeldeanlage installiert, 1923 eine moderne Motorspritze beschafft. Die NS-Zeit brachte Gleichschaltung und Unterstellung unter die Polizei; im Zweiten Weltkrieg übernahmen zuletzt Jugendliche einen Großteil des Wachdienstes.
Nach 1945 begann unter Kommandant Gotthilf Schauwecker der Neuaufbau. Mit dem Wachstum der Stadt – seit 1987 über 100.000 Einwohner – und rasant steigenden Einsatzzahlen war eine rein ehrenamtliche Wehr nicht mehr ausreichend. 1979 wurden die ersten hauptberuflichen Feuerwehrleute eingestellt, 1987 die ständige Berufsfeuerwache gegründet.
Nach einem intensiven, teils konfliktreichen Meinungsbildungsprozess beschloss der Gemeinderat am 23. November 2003 die Einrichtung einer Abteilung Berufsfeuerwehr. Am 1. Januar 2004 nahm die Feuerwehr Reutlingen als 100. Berufsfeuerwehr im Bundesgebiet ihren Dienst auf – im neuen Feuerwehrgebäude an der Hauffstraße, das 2003 eingeweiht worden war.
Das heute gültige Zwei-Säulen-Modell verbindet Berufs- und Freiwillige Feuerwehr als gleichberechtigte Partner. Mit 86 Einsatzbeamten der Berufsfeuerwehr und rund 430 Mitgliedern in den Freiwilligen Abteilungen bewältigt die Feuerwehr Reutlingen über 2.200 Einsätze pro Jahr – von Bränden über technische Hilfeleistungen bis hin zu Großschadenslagen wie dem verheerenden Hagelsturm 2013 oder dem Hochwasser im Ahrtal 2021. Klimawandel, Digitalisierung und wachsende Stadtstruktur stellen die Wehr vor neue Herausforderungen, denen sie mit moderner Technik und interkommunaler Zusammenarbeit begegnet.
150 Jahre Feuerwehr Reutlingen
1847–1997
175 Jahre Feuerwehr Reutlingen
1847–2022
Die Feuerwehrchroniken der Feuerwehr Reutlingen dokumentieren 175 Jahre Geschichte – von der Gründung des Löschvereins 1847 bis in die Gegenwart.
Beide Bände sind erhältlich und können per E-Mail bei der Feuerwehr Reutlingen Abteilung Freiwillige Feuerwehr Stadtmitte für 15 Euro (inkl. MwSt. zzgl. Versand) bestellt werden.
Chroniken bestellen
Alexander Kovac
Reutlingen
stadtbrand.reutlingen@digitalbandit.de