23. September 1726, 20 Uhr – 24. September, Abend
Der 23. September 1726 war ein Montag. Der Sommer hatte eine reiche Ernte gebracht, die Scheuern und Vorratskammern der Reichsstadt waren voll mit Heu und Stroh – mitten in einer eng bebauten Altstadt aus Fachwerk, Holz und Schindeln. Was an diesem Abend im Haus eines Schusters begann, legte binnen 38 Stunden vier Fünftel Reutlingens in Schutt und Asche.
Entscheidend waren die ersten Minuten – und die ersten Stunden. Diese Chronologie folgt dem Brand vom Ausbruch bis zum Abend des 24. September.
Montag, 23. September · zwischen 20 und 21 Uhr
Im Haus des Schusters Johann Friedrich Dürr bricht das Feuer aus. Eine brennende Kerze fällt durch eine Spalte in der Bodendielung in den Vorratsraum darunter – direkt in das eingelagerte Stroh der reichen Sommerernte. Unweit der Nikolaikirche · heutige Wilhelmstraße
Unmittelbar danach
Die Hausbewohner versuchen, den Brand zu verbergen und selbst zu löschen. Dieser Zeitverlust gilt bis heute als der eigentliche Grund dafür, dass aus einem Hausbrand eine Stadtkatastrophe wurde.
Kurz darauf
Die Brandglocken vom Gartentor und vom Tübinger Tor läuten. Als der Alarm die Stadt erreicht, steht bereits der ganze Straßenzug in Flammen.
Nacht vom 23. auf den 24. September
Die Männer der zwölf Zünfte bilden Menschenketten und füllen mit Löscheimern aus dem Stadtbach die drei Feuerspritzen der Stadt. Gegen eine Feuerwalze dieser Größe sind drei Spritzen aussichtslos. Verzweifelt beginnen die Reutlinger, Häuser rund um die Brandherde einzureißen, um dem Feuer die Nahrung zu nehmen.
Nacht vom 23. auf den 24. September
Der Brand frisst sich durch die Gassen der unteren Stadt – Metzgergasse, Gerbergasse, untere Kramergasse – und läuft auf das Spital zu. Die große Scheuer samt eingelagertem Getreide brennt lichterloh aus. Untere Kramergasse · heute mittlere Wilhelmstraße
Gegen Morgen, Dienstag 24. September
Das Feuer ergreift das Spital gegenüber dem Rathaus. Mit ihm verbrennen Stücke des städtischen Gedächtnisses – unter anderem der Sturmbock, den die Belagerer 1247 vor dem Stadttor liegengelassen hatten.
Vormittag, 24. September
Die Häuser am Marktplatz stehen in Flammen. Von dort greift der Brand in die obere Stadt über: obere Kramergasse, Judengasse, obere Metzgergasse.
Mittag, 24. September
Von der Metzgergasse aus erreicht das Feuer die Chortürme der Marienkirche.
Zum letzten Mal bewegten sich die Glocken, aber nicht von Menschenhand; sie läuteten sich selbst zu Grabe, bis sie mit furchtbarem Krachen herabstürzten. Hermann Kurz über den Untergang des Marienkirchen-Geläuts
Abend, 24. September
Ein Wirbelwind setzt ein und treibt die Funken über die obere Stadt. Entlang der Stadtmauer wird alles vom Gartentor bis zum Albtor in Schutt und Asche gelegt. Damit endet die erste Vierundzwanzigstunde – und das Feuer brennt weiter. Gartentor (Neues Tor) bis Albtor (Oberes Tor)
Erst jetzt kommt Hilfe von außerhalb in Gang: Männer aus Eningen, Pfullingen und Tübingen unterstützen die Löscharbeiten. Die Reichsstadt bittet sogar das Herzogtum Württemberg um Hilfe – obwohl sie mit dem Herzogshaus seit Generationen im Streit lag.
Am Mittwoch, dem 25. September, macht das Feuer gegen Mittag vor dem Barfußkloster halt, dem heutigen Friedrich-List-Gymnasium. Insgesamt hat es 38 Stunden gewütet.
Die Uhrzeiten dieser Chronologie sind so überliefert, wie die Stadt- und Feuerwehrgeschichte sie festhält: genau für den Ausbruch, ungefähr für den weiteren Verlauf. Zwischen etwa 21 Uhr und „gegen Morgen“ gibt es keine belegten Zeitangaben – die Nacht ist über die Reihenfolge der betroffenen Gassen erschlossen, nicht über die Uhr. Auch die Zahlen schwanken: je nach Quelle mehr als 800, rund 882 oder fast 900 Häuser. Die Brenndauer wird als „38 Stunden“ überliefert; die übliche Angabe „drei Tage“ ist die Kalenderrechnung vom 23. bis 25. September.
Alexander Kovac
Reutlingen
stadtbrand.reutlingen@digitalbandit.de